Andrea Sandor hat mit der „ZEIT“ über die wichtigsten Fragen zum Thema Quereinstieg gesprochen.
Vielen Dank an die Zeit, dass wir dieses Interview hier veröffentlichen dürfen.
Das Interview erschien ursprünglich am 14. Januar 2026 online bei der ZEIT als Z+ Artikel.
Andrea Sandor »
von bootyourmind in München
ZEIT Interview
„Man ist nie zu alt für einen Quereinstieg“
Andrea Sandor berät seit 20 Jahren Menschen zum Thema Quereinstieg. Hier erzählt sie, wie man sich eine Umschulung bezahlen lassen kann und wem sie vom Wechsel abrät.
Interview: Anna-Lena Jaensch Zeit online, 14. Januar 2026, 5:46 Uhr
Andrea Sandor, 51, ist Berufsberaterin und studierte Wirtschaftspsychologin. Sie begleitet seit mehr als 20 Jahren Menschen bei Veränderungen.
DIE ZEIT: Die Wirtschaft ist in der Krise, viele Unternehmen bauen Stellen ab Trotzdem sind Quereinsteiger gefragt – wo besonders?
Andrea Sandor: Schon vor zehn Jahren wurde klar, dass in naturwissenschaftlichen Berufen Arbeitskräfte fehlen, damals wurden viele aus Indien angeworben. Einen Fachkräftemangel gibt es in diesen Bereichen nach wie vor, ebenso in der Pflege, Bildung und im Handwerk. So wie die Prognosen aussehen, werden sich immer mehr Branchen für Quereinsteiger öffnen.
ZEIT: Was sind das für Menschen, die den Quereinstieg wagen?
Sandor: Da ist zum Beispiel die Mutter, die nach zwei Jahren Elternzeit bemerkt, dass sie nicht mehr zurückwill in ihren früheren Bürojob. Oder der Bauarbeiter, der seinen Job körperlich nicht mehr schafft. Manche Menschen kommen aus dem Ausland und sind hoch qualifiziert, aber ihr Abschluss wird in Deutschland nicht anerkannt, also müssen sie sich nach Alternativen umsehen. Es gibt auch Menschen wie mich, die Spaß an Neuem haben und deswegen keine geradlinige Berufsbiografie aufweisen. Ich habe erst eine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht, dann Psychologie studiert und arbeite nun als Beraterin – es hat auch bei mir eine Weile gedauert, bis ich den passenden Beruf hatte.
“Vier von zehn Fachkräften haben bereits einen Berufswechsel hinter sich.”
– Andrea Sandor
ZEIT: Haben es Menschen heute leichter, sich beruflich neu zu orientieren?
Sandor: In der Generation meiner Eltern war klar: Ich mache eine Ausbildung in einer Bäckerei, dann arbeite ich dort, ein Leben lang. Das hat sich enorm gewandelt. Vier von zehn Fachkräften haben bereits einen Berufswechsel hinter sich. Das wird immer normaler, weil sich die Jobprofile ständig ändern.
ZEIT: Welche Fragen sollte man sich stellen, bevor man die Branche wechselt?
Sandor: Beruflicher Erfolg bedeutet nicht nur, dass jemand die Aufgaben in der Stellenbeschreibung erledigen kann. Auch das Unternehmen und das Team müssen passen. Deswegen versuche ich bei meinen Klientinnen und Klienten herauszufinden, inwiefern die Person teamfähig ist. Außerdem rate ich zu einer Selbstbefragung, um sich die eigenen Bedürfnisse klarzumachen: Was ist mir wichtig in meinem Job? Was erfüllt mich? Das alles ist hilfreich, damit man einen geeigneten Job findet. Und man sollte sich seiner eigenen Stärken bewusst sein, auch danach frage ich.
ZEIT: Was, wenn die Stärken nicht zum Wunschberuf passen, weil man in einem anderen Bereich ausgebildet ist?
Sandor: In jeder Biografie gibt es bewusst oder unbewusst erworbene Kompetenzen. Ich habe zum Beispiel mal jemanden beraten, der ehrenamtlich Vorstand in einem Verein ist. Wir kamen auf eine Vielzahl an Fähigkeiten, die auch für den Beruf wichtig sind: Er kann gut planen, organisieren, überzeugen. Menschen, die schon in vielen verschiedenen Berufen gearbeitet haben, sind in der Regel flexibel und lernbereit – und das ist für einen Quereinstieg entscheidend.
ZEIT: Trotzdem enthalten viele Ausschreibungen explizite Vorstellungen, was die Qualifikationen angeht. Wie kann man sich da behaupten, ohne dem gewünschten Profil zu entsprechen?
Sandor: Das ist tatsächlich nicht so einfach. Die Frage ist, was das Unternehmen priorisiert: Ob jemand gut ins Team passt, dem Leitbild des Unternehmens entspricht, oder ob man formale Qualifikationen wie ein Fachstudium mitbringt. Künstliche Intelligenz kann in Zukunft immer mehr Aufgaben übernehmen und Wissenslücken kompensieren, aber ein funktionierendes Team kann sie nicht ersetzen. Für immer mehr Arbeitgeber ist es wichtig, wie jemand wirkt, wie freundlich und rücksichtsvoll jemand ist. Es lohnt sich also, Arbeitgeber direkt anzusprechen, sei es auf Berufsmessen oder mit einem Telefonat, um charakterlich zu überzeugen. Aber klar: Wenn man sich für einen Job als Gabelstaplerfahrer bewirbt, sollte man auch einen Gabelstaplerführerschein haben.
ZEIT: … oder sich trotzdem bewerben und anbieten, den Führerschein zu machen?
Sandor: Ja, gerade Branchen mit großem Personalmangel sind oft froh, wenn jemand Engagement zeigt und anbietet, eine Zusatzqualifikation zu machen. Das hebt einen im Zweifel sogar von anderen Mitbewerbern ab.
ZEIT: Muss ich die Kosten dafür selbst übernehmen?
Sandor: Wenn Unternehmen dringend Personal suchen, sind sie oft bereit, Umschulungen zu finanzieren. Häufig gibt es auch Kooperationen mit der Agentur für Arbeit, die sich an den Kosten beteiligt oder sie übernimmt.
“Für viele Quereinstiege werden Bildungsgutscheine ausgestellt.”
– Andrea Sandor
ZEIT: Welche Umschulungen würde beispielsweise die Arbeitsagentur zahlen?
Sandor: Für den Quereinstieg in Berufe mit Personalmangel wie Pflege, Erziehung, Bildung, Handwerk oder IT werden oft Bildungsgutscheine ausgestellt. Damit bekommt man die Fortbildung bezahlt, gegebenenfalls auch Fahrt- und Unterkunftskosten.Wer zum Beispiel in der IT arbeiten möchte, aber dafür eine bestimmte Programmiersprache lernen muss, kann über ein Beratungsgespräch in der Arbeitsagentur anfragen, ob er einen solchen Kurs erstattet bekommt.Dafür muss der Antragsteller entweder bereits arbeitslos sein oder mit der Weiterbildung den Jobverlust abwenden können. Alternativ haben einige Bundesländer eigene Förderprogramme.
ZEIT: Ist man irgendwann zu alt für einen Quereinstieg?
Sandor: Man ist nie zu alt dafür. Die wichtigsten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Quereinstieg sind, dass man lernbereit und anpassungsfähig ist. Erst kürzlich habe ich eine ältere Frau beraten, die aus der wissenschaftlichen Forschung kam und jetzt Erzieherin werden wollte. Das war kein Problem, im Gegenteil, die Einrichtung hat sich sehr über ihre Bewerbung gefreut. Es gibt natürlich Firmen, die das anders sehen. Die sind dann in der Regel aber Quereinsteigern gegenüber sowieso nicht aufgeschlossen, unabhängig vom Alter.
„Manchmal ist es gar nicht der Job, der nervt“
ZEIT: Gibt es Menschen, denen Sie von einem Neuanfang abraten?
Sandor: Wenn mich jemand anruft, der gerade in einer emotionalen Krise steckt, vom Chef gefrustet ist oder Streit mit den Kollegen hatte und der deshalb kündigen will, rate ich immer erst dazu, mehrere Nächte drüber zu schlafen. Wenn dann der Wunsch immer noch da ist, versuche ich, die Ursachen dafür zu finden. Liegt es an einer bestimmten Situation, an der Dynamik im Team oder ist die Person generell mit diesem Beruf unzufrieden? Manchmal ist es gar nicht der Job, der nervt, sondern es sind die Kollegen oder bestimmte Aufgaben. Dafür muss man dann nicht kündigen. Man kann die Situation womöglich auch intern verbessern.
ZEIT: Welche Berufe eignen sich für den Quereinstieg überhaupt nicht?
Sandor: Sehr schwer wird es da bei Jobs, die eine Approbation erfordern oder eine jahrelange Spezialausbildung. Das ist zum Beispiel bei Juristen oder Medizinern der Fall. Wenn man da nicht das passende Studium hat, hat man als Quereinsteiger keine Chance – und das ist auch gut so. Keiner möchte von einem Arzt operiert werden, der das nicht im Studium und im praktischen Teil seiner Ausbildung gelernt hat.
ZEIT: Lohnt sich der Quereinstieg finanziell?
Sandor: Das kommt auf die eigenen Ziele an und auf die Branche, in die man wechseln möchte. In der IT werden zum Beispiel durch den Fachkräftemangel oftmals sehr gute Gehälter gezahlt. Das kann im Einzelfall bedeutsam mehr als vorher sein. Es kann allerdings Unterschiede je nach Erfahrung geben, da kann der Senior- Sachbearbeiter zu Recht mehr verdienen als ein Quereinsteiger, der zu Beginn als Junior eingestuft wird. Mit zunehmender Erfahrung und Selbstständigkeit sollte dann aber ein Ausgleich erfolgen.
“Die Vorerfahrungen sind fürs Gehalt egal. Was zählt, ist, wie man arbeitet.”
– Andrea Sandor
ZEIT: Wie stellt man als Quereinsteiger sicher, dass man für dieselbe Arbeit genauso bezahlt wird wie andere?
Sandor: Am besten informiert man sich schon im Voraus, welches Gehalt für die Stelle üblich ist, und schaut sich beispielsweise Tarifverträge an.Sobald man den Job bekommt, schließt man mit seiner Arbeitskraft eine Lücke. Ab diesem Zeitpunkt ist es egal, welche Vorerfahrungen man hat.Was zählt, ist, wie man arbeitet. Und so sollte man dann auch dem Chef gegenüber auftreten, zumindest dann, wenn der eigene Platz im Unternehmen gesichert ist. Es ist nicht gut für das Ansehen, wenn vermutet wird, dass man einen Beruf nur aus materiellen Gründen gewechselt hat.
“Ich finde es erschreckend, wie viel Potenzial durch
fehlende Leidenschaft verloren geht. ”
– Andrea Sandor
ZEIT: Wäre das denn so verwerflich?
Sandor: Oft ist das Geld einer der Hauptgründe, warum Menschen sich beruflich verändern wollen. Es kann aber nach mangelnder Motivation aussehen, wenn man sich mehr für die Bezahlung als für die Aufgaben und das Team interessiert. Gerade wenn man noch in der Bewerbungsphase oder Probezeit ist und wirklich in diesem Beruf arbeiten möchte, sollte man sich überlegen, wie wichtig ein höheres Gehalt ist. Entscheidender ist oft, dass man zufrieden ist und etwas Sinnvolles macht. Laut dem Gallup-Institut machen fast acht von zehn Beschäftigten nur Dienst nach Vorschrift, ich finde es erschreckend, wie viel Potenzial unserer Gesellschaft durch fehlende Leidenschaft und zu wenig Engagement verloren geht.
ZEIT: Kann ein Quereinstieg auch erfolgreich sein, wenn man im neuen Job weniger verdient als vorher?
Sandor: Zu mir in die Beratung kam mal ein sehr erfolgreicher Marketingmanager, der beruflich alles erreicht hatte, was er erreichen wollte. Er war immer weiter aufgestiegen und letztlich in einer äußerst begehrten Position gelandet. Trotzdem sagte er zu mir: Wenn ich mich im Spiegel anschaue, bin ich mir nicht sicher, ob ich das Leben führe, das mich wirklich erfüllt. Er beschloss, sein gut bezahltes Managerleben aufzugeben, und wechselte in eine Non-Profit-Organisation. Jahre später schrieb er mir, dass er nun endlich das glückliche, erfüllte Leben führe, das ihm lange gefehlt hat. Mir hat diese Nachricht viel bedeutet, denn die Erwerbsarbeit macht so viel unserer Lebenszeit aus. Was für eine Verschwendung an Ressourcen, wenn man die mit einem Job verbringt, der einem nicht gefällt.
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2025-12/quereinstieg-beruf-ausbildung-job